Jahresausblick: Rückenwind durch Reformen – Gegenwind aus der Weltpolitik
Das Jahr 2026 startet für die deutsche Chemie- und Pharmabranche mit einer Mischung aus Zuversicht und bekannter weltpolitischer Unsicherheit. Prägend wird das Spannungsfeld zwischen dem sanften strukturellen Aufschwung und geopolitischen Friktionen sein, in dem sich die Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter behaupten müssen. Gerade auf Fach- und Führungskräfte kommt es dabei an, denn ihre Entscheidungen wirken unmittelbar auf Investitionen, Wertschöpfung und die Sicherung von Arbeitsplätzen.
Ein erster Lichtblick zu Jahresbeginn ist der Fortschritt bei den Energie- und Stromkosten. Die Bundesregierung und die EU-Institutionen haben sich auf Rahmenbedingungen für einen industriellen Strompreis sowie auf eine erweiterte Strompreiskompensation verständigt. Diese Entlastungen können die Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen in der Chemie kurzfristig verbessern — vorausgesetzt, sie kommen schnell und unbürokratisch in den Betrieben an.
Gleichzeitig bleibt unbestritten: Einzelmaßnahmen reichen nicht aus. Tiefgreifende Reformen müssen her, etwa beim Bürokratieabbau, im Emissionshandel und bei den allgemeinen Standortkosten, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Chemie- und Pharmastandorts dauerhaft zu sichern. Bis dato können Führungskräfte vor allem mit ihrer Erfahrung die Betriebe stabilisieren und wirtschaftlich konkurrenzfähig halten. Sie sind es, die legislative Hürden erkennen, ihnen trotzen und die Produktion gemeinsam mit ihren Teams am Laufen halten.
Was in dieser Gemengelage ein Bärendienst ist: Diskussionen um eine Flexibilisierung des Kündigungsschutzes für Fach- und Führungskräfte. Ein wiedererstarkender Standort benötigt starke Persönlichkeiten in Führungspositionen, die Mut zu Entscheidungen im Sinne des Unternehmens haben und ohne drohendes Damoklesschwert arbeiten können müssen. Es ist eine Frage des Respekts und der Standortqualität, Fach- und Führungskräfte nicht zum Experimentierfeld personalpolitischer Schnellschüsse zu machen. Der VAA wird höchstes Augenmerk darauflegen, dieses Thema in Zusammenarbeit mit der ULA schnellstmöglich von der politischen Agenda zu streichen.
Auf einen Irrweg hat sich auch das EU-Parlament begeben. Das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur-Staatenbund galt als wichtiger Hoffnungsträger und Konjunkturtreiber, besonders für unsere exportorientierten Unternehmen in Deutschland. Dass nach über zwei Jahrzehnten Verhandlungen vom EU-Parlament der Europäische Gerichtshof angerufen wird, grenzt an standortpolitischen Wahnsinn.
Der sanfte Optimismus ist damit zu einer Unzeit deutlich gedämpft worden. Es bleibt zu hoffen, dass die Europäische Kommission von ihrem Recht Gebrauch macht und das Abkommen trotzdem vorläufig in Kraft treten lässt.
Europa muss seine Rolle als aktiver Gestalter des Welthandels in einer Phase zunehmender Protektionismen, unberechenbarer Zolldrohungen und wahnsinniger Territorialforderungen stärken und neue Exportperspektiven eröffnen. Das erleichtert auch und insbesondere die Arbeit von Führungskräften, die Lieferketten verantworten, globale Produktionsnetzwerke steuern und neue Märkte entwickeln. Sie brauchen genau wie Unternehmen stabile Handelsbeziehungen und ungefährdete strategische Partnerschaften als Fundament, auf dem sich Wachstum und Innovation revitalisieren lassen.
Diese neue Realität scheint noch nicht bei ausreichend vielen Mitgliedern des Parlaments in Brüssel angekommen und verstanden zu sein. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) warnt daher völlig zurecht vor einem industriepolitischen Offenbarungseid, sollte Europa diese strategische Chance aus innenpolitischen Gründen verspielen.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und politische Stabilität sind 2026 enger miteinander verknüpft denn je. Deutschland und Europa benötigen eine klare, strategisch ausgerichtete Weltwirtschaftspolitik, die nicht nur auf akute Krisen reagiert, sondern verlässliche, regelbasierte Rahmenbedingungen schafft — im Handel, in der Energieversorgung und bei der Innovationsförderung. Nur so lassen sich protektionistische Impulse, disruptive Zölle und geopolitische Verwerfungen in kalkulierbare Risiken überführen.
Gleichzeitig ist auch die Branche selbst gefordert, ihre Stärken konsequent auszuspielen. Mit ihren hochqualifizierten Fachkräften und ihrer ausgeprägten Innovationskraft verfügt die deutsche Chemie- und Pharmabranche über beste Voraussetzungen, um Herausforderungen in nachhaltiges Wachstum und neue internationale Perspektiven zu verwandeln. Dafür braucht es vorausschauendes und entschlossenes Handeln im Schulterschluss von Politik und Wirtschaft – gemeinsam mit den Führungskräften und nicht gegen sie.
Stephan Gilow
Hauptgeschäftsführer des VAA









