Fach- und Führungskräfte sind Säulen der Transformation
Der Auftakt ins Jahr 2026 hat bereits einige missglückte politische Debatten bereitgehalten. Wenn wir über die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland reden, rückt unweigerlich eine Debatte um eine der sensibelsten Stellschrauben in den Fokus: den Kündigungsschutz für Fach- und Führungskräfte. Was oft als rein arbeitspolitische Flexibilisierung behandelt wird, ist bei näherer Betrachtung eine fundamentale Standortfrage. Führung und Verantwortung müssen langfristig attraktiv gestaltet werden, damit wir unsere Innovationsfähigkeit als Industriestandort beibehalten.
Mehr „Beweglichkeit“ für Unternehmen, weniger Blockaden im Personalumbau – Flexibilität durch ausgehöhlte Arbeitnehmerrechte, insbesondere für leitende Angestellte, klingen erst einmal verlockend. Doch diese Logik greift zu kurz – vor allem in den langfristig orientierten Branchen, die Deutschlands wirtschaftliche Stärke ausmachen. Spitzenkräfte zu destabilisieren, bedeutet, den Standort Deutschland zu schwächen. Denn psychologische Sicherheit in der Führung ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Verantwortung übernommen, Risiken eingegangen und Innovationen ermöglicht werden können.
Psychologische Sicherheit als Standortfaktor
Gute Führung gelingt nur dort, wo Verantwortliche Entscheidungen treffen können, ohne permanent die eigene Verwundbarkeit im Blick haben zu müssen. Wer Teams durch Transformationen manövriert, muss unbequeme Wahrheiten aussprechen können, Entscheidungen treffen, die nicht jedem gefallen. Führungskräfte benötigen daher vor allem eines: Rückendeckung.
Eine „Hire-and-Fire-Mentalität“ mag in anderen Ländern als dynamisch gelten. In Deutschland untergräbt sie das, was uns stark macht: langfristige Innovationszyklen, tiefes Fachwissen, verlässliche Zusammenarbeit – wichtige Rahmenbedingungen des Standorts. Diese Aussage ist kein Bauchgefühl: Die Boston Consulting Group (BCG), eine der größten Beratungen weltweit, führt in einer Studie aus dem Jahr 2024 aus: „Die Notwendigkeit, psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz zu schaffen, war noch nie so dringend wie heute.“
In der konjunkturell herausfordernden Lage braucht Deutschland Macherinnen und Macher auf allen Karrierestufen. Sie müssen aus einer Position der Stabilität heraus agieren können.
Das Magazin Forbes schrieb in einem Beitrag über Googles Aristoteles-Projekt, es identifiziere „psychologische Sicherheit als den entscheidenden Faktor, der die erfolgreichsten Teams“ kennzeichne. „Die Förderung psychologischer Sicherheit ist mehr als nur eine moralische Verpflichtung, sie ist ein strategischer Vorteil.“ Denn realistisch betrachtet arbeiten Spitzenkräfte selten im Takt kurzfristiger Trends. Innovation braucht Zeit. Entwicklungszyklen dauern Jahre, manchmal Jahrzehnte. Know-how sammelt sich nicht in Quartalen an, sondern durch verlässliche Zusammenarbeit. Das gilt insbesondere für die deutschen Kernindustrien Chemie und Pharma, Automobil und Maschinenbau – allesamt forschungsintensiv. Wer Kündigungsschutz zu stark flexibilisiert, riskiert Wissensabbrüche und Substanzverluste, die langfristig teuer werden – teurer als jede Abfindung. „Hire-and-Fire“ schadet genau der Innovationskraft, die der Standort Deutschland so dringend benötigt.
Mehr noch: Kürzlich zeigte eine Studie des Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA), dass immer weniger Beschäftigte bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Der Führungskräftenachwuchs fehlt! Ein gewichtiger Grund: Viele potenzielle Führungskräfte erleben derzeit eine widersprüchliche Erwartungslage – maximale Verantwortung bei sinkender Absicherung. Das passt nicht zu den Bedürfnissen junger Erwachsener, die in einer volatilen VUCA-Welt aufgewachsen sind. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wer Leistungsträger für Deutschland aufbauen will, muss Halt geben, nicht Halt nehmen.
Der Wirtschaftsstandort steckt in einer großen Veränderung. Hochqualifiziertes Wissen ist noch immer der wertvollste Rohstoff der deutschen Industrie. Ein zu niedrigschwelliger Austausch von Führungskräften zerstört in kurzer Zeit, was langfristig aufgebaut wurde: Erfahrung, technisches Verständnis, Vertrauen in Teams. Innovation lässt sich nicht eben „outsourcen“, wenn sie Kontinuität und Fachwissen braucht. Darum lassen Sie uns gemeinsam für eine starke Mitbestimmung der Fach- und Führungskräfte in den Betriebsräten und Sprecherausschüssen eintreten.
Dr. Birgit Schwab
1. Vorsitzende des VAA









